Geschlechtersensibel & weitgehend barrierefrei Gendern

29. November 2021

Unsere Sprache soll sowohl die Vielfalt an Geschlechteridentitäten abbilden, wie auch für Menschen mit und ohne Behinderungen zugänglich und verständlich sein. Bei myAbility haben wir uns dazu entschieden, möglichst genderneutrale Begriffe zu verwenden und zusätzlich den Gender-Doppelpunkt zu nutzen. Im Folgenden erklären wir, wie wir zu dieser Entscheidung gekommen sind.

Die Ausgangslage

Aus Gründen der Barrierefreiheit hatte myAbility sich 2014 für das Gendern mit dem Binnen-I entschieden. Das Binnen-I wird von assistierenden Technologien (z.B. Sprachausgabe) in der Regel korrekt als kurze Pause wiedergegeben. Die tatsächliche Vielfalt an Geschlechteridentitäten bringt das Binnen-I jedoch nicht zum Ausdruck. Im Sinne der Barrierefreiheit wurde dies in Kauf genommen.

Diese Entscheidung passte jedoch immer weniger zur Haltung von myAbility, in der Vielfalt in jeglicher Dimension anerkannt und wertgeschätzt wird. Daher hat myAbility seine ursprüngliche Entscheidung hinterfragt und einen neuen internen Standard festgelegt. Der Diskussions- und Entscheidungsprozess erfolgte in einem bereichsübergreifenden Workshop, an dem Mitarbeiter:innen aus allen Teams teilnahmen.

Das Ziel

Unsere Sprache soll sowohl die Vielfalt an Geschlechteridentitäten abbilden, wie auch für Menschen mit und ohne Behinderungen zugänglich und verständlich sein.

Binäres versus nonbinäres Gendern

Eine einheitliche Form des Genderns hat sich im deutschsprachigen Raum bisher nicht durchgesetzt.

Binäre Formen mittels Binnen-I („MitarbeiterInnen“) oder Paarform („Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen“) beschreiben das traditionelle Geschlechterpaar „Mann-Frau“ und sind daher nicht geschlechterinklusiv. Denn inter- und transgeschlechtliche Identitäten fernab von medizinischen und sozialen Zuschreibungen werden nicht abgebildet.

Nonbinäre Formen mittels Genderstern („Mitarbeiter*innen“), Gendergap („Mitarbeiter_innen“) oder Genderdoppelpunkt („Mitarbeiter:innen“) bringen die Vielfalt an Geschlechteridentitäten auf jeweils unterschiedliche Weise zum Ausdruck und gelten daher als geschlechterinklusiv.

Geschlechterneutrale Formulierungen („die Mitarbeitenden“) schließen ebenfalls alle Geschlechteridentitäten mit ein.

Im Sinne einer größtmöglichen Genderinklusivität sind nonbinäre und genderneutrale Formulierungen zu bevorzugen. Binäres Gendern sollte bei myAbility der Vergangenheit angehören.

Die Herausforderung

Aus Sicht der Barrierefreiheit sind binäre Genderformen zugänglicher und verständlicher. Dies betrifft etwa Menschen mit Seheinschränkungen, die assistierende Technologien zur Sprachausgabe nutzen. Denn diese lesen diese beiden Formen in der Regel sprachlich korrekt vor (beim Binnen-I mit Pause). Auch für Menschen mit Lernschwierigkeiten oder Lese- und Rechtschreibschwächen und Menschen mit nicht-deutscher Erstsprache, gelten binäre Formen, insbesondere die Paarform, als leichter verständlich.

Wichtig: Keine Form des nonbinären Genderns (Stern, Gap oder Doppelpunkt) gilt derzeit als völlig barrierefrei.

Sonderzeichen werden in der Sprachausgabe abhängig von der jeweiligen Programmierung und Einstellung womöglich nicht als Pause, sondern zeichengetreu wiedergegeben (z.B. „KundSTERNinnen“, „KundUNTERSTRICHinnen“). Zudem wird der * auch in der Programmiersprache oder als Kennzeichnung für Pflichtfelder in Online-Formularen genutzt.

Der Doppelpunkt wird als etabliertes Satzzeichen durch assistierende Technologien in der Regel mit einer Pause vorgelesen. Diese Pause kann in der Sprachausgabe länger ausfallen als im üblichen Redefluss. Auch kann der Genderdoppelpunkt für manche Zielgruppen (z.B. Leseschwäche) im gendersensitiven Kontext – wie andere Sonderzeichen auch – schwer zu verstehen sein, da der Doppelpunkt auch mit der Funktion der Ankündigung einer Aufzählung oder eines besonders wichtigen Punktes belegt ist.

Insgesamt bilden Genderformen mittels Sonderzeichen tendenziell Barrieren, einerseits für Menschen mit Lernschwierigkeiten und andererseits bei der Nutzung von assistierenden Technologien.

Hörbeispiel: Gendergerechte Sprache mit Screenreader NVDA

Die Lösung

Geschlechterneutrale Formulierungen („Mitarbeitende“, „Studierende“, „Teilnehmende“) kommen ohne Sonderzeichen aus und schließen dennoch alle Geschlechteridentitäten ein. Diese bieten die größtmögliche Geschlechterinklusivität bei gleichzeitig größtmöglicher Barrierefreiheit und sollten daher bevorzugt eingesetzt werden.

Dort, wo eine geschlechterneutrale Formulierung sprachlich nicht sinnvoll ist oder bewusst auf die Gendervielfalt hingewiesen werden soll, sollte eine nonbinäre Form des Genderns genutzt werden. Hier hat myAbility den Genderdoppelpunkt („Kund:innen“, „Politiker:innen“, „Entscheidungsträger:innen“) als internen Standard festgelegt. Der * wird auf den Websites von myAbility in der Programmierung verwendet und eignet sich daher hier nicht als Genderzeichen.

Als Vorteil wurde gesehen, dass der Doppelpunkt mit einer Pause vorgelesen wird. Zudem wird der Doppelpunkt zunehmend von Medien und Unternehmen genutzt, nicht zuletzt in Jobanzeigen. Der Doppelpunkt kann außerdem bei vielen Begriffen Vorteile für die Suchmaschinenoptimierung (SEO) bieten, da Suchmaschinen bei dieser Schreibweise meist sowohl die weibliche sowie männliche Form interpretieren.

Fazit

Keine Variante des nonbinären Genderns mit Sonderzeichen ist 100% barrierefrei.

Genderneutrale Formulierungen bieten ein größtmögliches Maß an Geschlechterinklusivität bei gleichzeitig größtmöglicher Barrierefreiheit. Diese werden daher von myAbility vorrangig verwendet. Behelfsmäßig und daher sparsam nutzt myAbility den Genderdoppelpunkt, um im Einzelfall bewusst auf die Gendervielfalt hinzuweisen oder diese dort zum Ausdruck zu bringen, wo genderneutrale Formulierungen nicht möglich sind.

Die Regeln zum Gendern bei myAbility

Genderneutrale Formulierungen

Geschlechterinklusiv und weitgehend barrierefrei. Sonderzeichen entfallen. Bevorzugt zu verwenden.

  • Mitarbeitende, Studierende, Teilnehmende

Genderdoppelpunkt

Wo genderneutrale Formulierungen nicht möglich oder zu wenig aussagekräftig sind.

  • Kund:innen, Politiker:innen, Entscheidungsträger:innen
  • Der:die Arbeitgeber:in, Ein:e Jobsuchende:r

Beispielsatz:

  • Arbeitgeber:innen, die auf www.myAbility.jobs ausschreiben, haben das Potenzial von Bewerber:innen mit Behinderungen erkannt und laden diese ausdrücklich ein, sich zu bewerben.

Wichtig: Auf die Lesbarkeit achten. Zu komplizierte Gebilde mit Doppelpunkten schaffen ebenfalls Barrieren für bestimmte Gruppen und sollten vermieden werden. In Ausnahmefällen kann auch die Paarform (z.B. Kundinnen und Kunden) verwendet werden, wenn im Rest des Textes klar wird, dass nicht nur binär gegendert wird.